Wer war ich vor Emil und Ida?

Manchmal frage ich mich, wer ich eigentlich vor Emil und Ida war.

Ich habe mal mehr und mal weniger erfolgreich studiert, ich hatte einen riesigen Freundeskreis, ich habe gerne gefeiert, das Theater geliebt, bin viel gereist, habe in der Entwicklungshilfe gearbeitet, in der Fotografie meine Kunst gefunden, ich habe viel geschrieben, viel Wein getrunken, in Italien gelebt, immer nach Etwas gesucht, vieles auch gefunden. Ich habe im Stillen von Kindern geträumt, aber gepasst haben sie nicht wirklich in meinen Lebensplan – vielleicht, weil ich auch nie einen passenden Mann dazu hatte.

Ich habe Museen besucht, Freunde in ganz Deutschland, ich war gerne in Berlin, auf Konzerten, ich mag das urbane Leben, ich mag es, wenn sich um mich herum etwas bewegt. Wenn Dinge aus dem Nichts entstehen. Ich suche nach Inspiration und ich finde sie in der Stadt und in den Menschen, die mich umgeben.

Ich war voller Liebe für meine Familie und oft genug für einen Mann, der sie nicht oder wenig erwidert hat, und am Ende voll sagenhaften Glückes als ich Paul traf. Aber alles hat sich geändert, in dem Moment als Emil kam.

Ich war vorher keine abgespeckt Version meines Gefühlslebens, kein halber oder unvollständiger Mensch, aber in dem Moment als Emil in unser Leben kam wusste ich, mein Körper hatte bisher nur ein Tausendstel aller Gefühle hervor gebracht von denen er in der Lage war. Emil veränderte alles.

Die Welt erschien mir so laut, als ich wusste, dass Emil mithörte. Und sie erschien mir so sagenhaft bunt und neu und wunderschön und je älter Emil wurde, desto mehr Dinge nahm ich wahr, die um mich herum passierten und schon immer passiert waren. Ich hatte vieles nicht mehr gesehen.

Mein erster Gedanke war nie, wovor ich Emil schützen müsste, vor Lärm, Hitze, Kälte, Gefahren, Stress – mein erster Gedanke war, mein Gott, was ich Emil alles würde zeigen können. Die Welt stand mir auf einmal offen, mit mehr als weit geöffneten Armen, und alles, wirklich alles um es herum würde für Emil ein erstes mal sein. Ein erstes mal seine nackten Finger auf kühler Erde, das erste mal mit Wasser in Berührung kommen, das erste mal auf meinem Bauch schlafen, das Fell der Katze berühren. Das erste mal Essen, Kastanien suchen, Laufen, Schnee, Weihnachten. Das erste mal das Meer sehen, ein Holzauto schieben, alleine bei Oma und Opa bleiben. Das erste mal auf einen Kindergeburtstag, Fahrrad fahren, fliegen, im Sand spielen, einen Hund berühren. Millionen mal haben wir etwas zum ersten mal gemacht, zum allerersten mal. Wir erinnern uns kaum daran. Aber ich sehe Emil und sehe diese Tausend Dinge die er zum ersten mal macht. Ein Fenster hat sich geöffnet, dass mir einen Blick in unsere eigene früheste Kindheit erlaubt.

Wer war ich vor Emil und Ida und wer bin ich jetzt?

“ Du bist die Mama,“ höre ich Emil sagen. „Denn das hast du dir ausgesucht, als du mit Papa zusammengezogen bist. Und er wollte der Papa sein.“


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