Meine neue Freundin – die Gelassenheit

Ich bin kein hektischer Mensch, ich habe nie in einem stressigen Job gearbeitet, ich war immer flexibel, schnell zu begeistern, ich bin in meinem Leben gerne vorangeschritten – auch wenn ich häufig die Richtung gewechselt habe.

Nach der Geburt von Emil und Ida habe ich das Wichtigste im Mutterdasein gelernt, immer noch nicht perfektioniert, aber nach ganz oben auf meine Liste der Dinge geschrieben, die ich jeden Tag besser herrschen möchte: Gelassenheit.

Ich sehe Ida zu, wenn sie schläft. Sie bewegt sich nicht. Sie atmet leise. Ihre Wärme merke ich physisch nicht. Dazu sitze ich zu weit weg, aber ich spüre sie. Ida-Wärme. Sie kommt von ganz tief Innen. Ganz Ida ist erfüllt von körperlicher und innerer Wärme. In Idas Leben ist alles gut. In meinem gibt es eine volle Waschmaschine und einen kaputten Trockner, einen Zettel mit Telefonaten, die ich führen wollte und muss, ein dreckiges Katzenklo und einen Garten der aussieht, als sei ein Hurricane hindurchgefegt. In dem kleinen, weißen Bett gibt es nur Ida. Ida und einen kleinen Stoffhasen, den sie im Arm hält. Weiche Locken, sanftes Atmen. Ich sehe sie an und kann es kaum begreifen – Ida ist mein Kind. Ich bin ihre Mama. Der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Paul nennt das „Realisation-days“. Tage an denen einem plötzlich wie mit einem Schlag ins Gesicht wieder bewusst wird, was man eigentlich grade wunderbares um sich herum hat. Emil und Ida!

Ich habe nicht alles immer still, in mich aufsaugend und geduldig genossen. Ich habe beim Stillen fast immer gelesen, ich habe die Kinder grundsätzlich nur so lange im Kinderwagen geschoben bis sie schliefen, dann habe ich sie im Garten abgestellt und meine eigenen Dinge gemacht. Ich gehe nicht jeden Abend vor dem Schlafen gehen noch mal in ihre Zimmer und betrachte gerührt wie sie in ihren Betten liegen. Aber ich suche jeden Tag mehr Momente, in denen ich ihnen das schenke, was sie am meisten genießen: Zeit zu haben.

Emil und Ida sind in der Summe gerade mal 4 Jahre alt. Kleine Menschen, die in den Kindergarten und zum Sport gehen, zur Musikschule, Gedichte für Wichte, Outdoor-Kids. Die sich am Nachmittag ganz selbstverständlich noch mit Freunden verabreden, die selbständig sind, aber nicht ganz so selbständig verplant werden. Wenn es nach Emil ginge, würden wir vier mal die Woche zum Sport gehen. Seitdem er weiß, dass nach seinem Kurs noch ein zweiter Kurs stattfindet gehen wir zwei Stunden. Nach 7 Stunden Kindergarten flitzt Emil zwei Stunden durch die Turnhalle. Emils Energiehaushalt ist enorm hoch, aber haben wir nicht mitzuverantworten, dass er so hoch ist? Emils erste Frage nach dem Kindergarten ist immer ein aufgeregtes: Was machen wir heute?? Emils Erwartungshaltung ist durch unseren Lebensstil geprägt. Wir haben die Kinder von Anfang an überall mit hingenommen. Sie sind Teil unseres Lebens geworden und jetzt fordern sie zusätzlich noch ihr eigenes. Unsere Interessen und ihre Interessen – ein wöchentlicher Tumult aus Aktivitäten.

Aber ich wollte ja über die Gelassenheit schreiben: die Gelassenheit und ich sind häufig keine Freunde. Sie fordert mich in einer Tour. Sie würde sich gerne bei jeder Gelegenheit durchsetzen – aber ich möchte auch mal gewinnen. Wenn 40 Studenten vor uns in den Bus wollen, dann möchte ich trotzdem mit. Dann klettert klein Emil, das zwei Euro Stück fest in der Faust umklammert vorne zum Busfahrer und ich versuche den Kinderwagen hinten zwischen die Studenten zu schieben. Hin und wieder kommt es vor, dass übereifrige Mitmenschen Emil wieder rausschicken und freundliche Dinge sagen wie: Warte mal auf deine Mama, kleiner Mann. ich stehe hinten im Bus und rufe, aber über die Köpfe von 40 Studenten hinweg hört mich keiner. Klein Emil wieder auf dem Gehweg, Ida, Kinderwagen und ich im Bus. Siehst du, sagt sie dann, die Gelassenheit, hättest du doch einen Bus abgewartet. Was sind denn 10 Minuten deines Lebens an einer Bushaltestelle? Aber du willst ja nicht hören.

Direkt nach dem Kinderturnen kommen die Handballer. Eine riesige Halle überfüllt mit winzig kleinen Menschen mit nackten Füßen, Taschen, Jacken, Gummistiefel, Kekskrümel und Trinkflachen. Und Ida. Ich nehme Ida und die Taschen (die Kekskrümel lasse ich da) und sage gefühlte hundert mal: Emil, kommst du bitte! Emil sieht sich die genervt dreinschauenden Handballer an – sie wollen, dass die Kinder binnen von Sekunden die Halle räumen. „Emil!“ sage ich noch mal. Ida rutscht mir vom Arm, die Tasche auch, ach, Gummistiefel vergessen! Wie bücken mit Ida? Geht nicht. Ida absetzen, alles neu packen, Ida wieder einfangen, Ida heult. „Emil!“ Emil trödelt los, guckt nicht nach vorne, läuft andere Kinder um. Man Emil, denke ich. Dann 30 Kinderwagen und Buggys im Flur. Emil reißt eine kleine Tüte Gummibächen auf. Sie kullern unter die Räder der diversen Kinderwagen. Während er versucht sie aufzuheben wird er mehrmals von fremden Kinderwagen umgefahren. „Jetzt lass das doch liegen!“ sage ich. Tränen in den Augen. Die Reifen rollen über die bunten Gummibärchen bis sie grau sind. „Jetzt zieh doch wenigstens schon mal deine Turnhose aus!“ sage ich. Ida läuft weg. Weil zu viele Kinderwagen im Weg stehen kann ich sie nicht einfangen. „Siehst du,“ sagt die Gelassenheit. „Warte doch einfach bis alle ihre Kinder umgezogen haben und weg sind. Was machen die zwanzig Minuten denn? Setz dich doch im Flur auf die Bank und iss die Gummibärchen. Aber du willst ja nie auf mich hören!“

Und dann ist sie auf einmal da – an vielen Tagen, wie eine Freundin. Die Gelassenheit und ich – einträchtig beisammen. Wenn ich Ida in der Krippe abgebe und die Uhr zeigt vier Minuten vor neun. Bis zu Emils Kindergarten sind es mit Emils kleinen Beinchen bestimmt 8 Minuten. Um neun muss er abgeben sein, sonst ist Frühstückszeit und da darf man nicht stören. Faire Regelung. Bis neun schaffen wir aber nicht. Und so sitzen wir ein, manchmal auch zwei oder drei mal die Woche morgens hinter den großen Scheiben des Café´Balzac, auf dicken Sesseln mit Espresso und Kinderkaffee. Wir haben Zeit. Für uns.

Wenn wir Freunde sind, die Gelassenheit und ich, dann heben wir jede Pusteblume auf, suchen nach jeder Kastanie, kommen immer zu spät in den Kindergarten, trinken außer der Reihe in plüschigen Cafés noch einen Kakao. Dann sehe ich zu, wie Ida mit ihren O-Beinen über den Platz der jüdischen Synagoge eiert, jeden Ast aufhebt, auf jede Taube zeigt. Dann fahre ich nie mit dem Auto, schaue nie auf die Uhr, denke nie an all die Dinge, die ich sonst gemacht und geschafft hätte. Klettere auf Bäume am Ufer der Isebek und sehe den Schwänen zu. Was ich verpasst habe? Die Wäsche, den Klempner anzurufen, die Post zu öffnen, einen fälligen Auftrag zu barbeiten. Was ich bekommen habe? Zeit. Und eine neue Freundin – die Gelassenheit.

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